Die Viehmärkte in Cham
Am 29. Dezember 1995 fand in der Ostbayernhalle an der Rodinger Straße der letzte Viehmarkt statt. Mit diesem Tag endete ein wichtiges Kapitel Chamer Stadtgeschichte, dessen Anfänge bis in das 14. Jahrhundert reichen.
Den ältesten Hinweis für einen Viehmarkt in der Stadt liefert der heute noch gültige Straßenname "Rindermarkt". Dieser Name erscheint erstmals in einer städtischen Urkunde aus dem Jahr 1394. Weil die Bezeichnung "Rindermarkt" am Ende des 14. Jahrhunderts bereits geläufig war, liegt die Vermutung nahe, dass der Viehhandel auf diesem Platz schon wesentlich älter ist. Die Zahl der angebotenen Tiere dürfte damals nicht allzu groß gewesen sein. Da es noch keine speziellen Markttage für den Viehverkauf gab, wurden sie auf den vier regulären Jahrmärkten, also während des Georgi-, Jakobi-, Dionysi- oder Thomasmarktes, verkauft. An diesen Verhältnissen änderte sich bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts kaum etwas.
Eine Neuerung kam erst mit dem Jahr 1827. Am 2. Januar bat der Stadtmagistrat die für Cham zuständige Regierung des Unterdonaukreises in Passau, um die Verleihung eines eigenen Viehmarktes. Begründet wurde dieses Gesuch mit der schlechten wirtschaftlichen Lage der Einwohnerschaft. Seit dem Bau einer neuen Straße über Waldmünchen nach Böhmen war der Waren- und Personenverkehr auf der alten Handelsroute über Cham nach Furth im Wald fast zum Erliegen gekommen. Mit dem Viehmarkt hoffte man, eine Belebung des Handels und einen wirtschaftlichen Aufschwung zu erreichen. Am 19. Juli stimmte die Regierung der Petition zu, so dass bereits am 13. August der erste offizielle Viehmarkt abgehalten werden konnte. Von nun an standen auch in Cham alle 14 Tage, jeweils im Wechsel mit dem Rodinger Viehmarkt, Rinder zum Verkauf.
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| Viehmarktordnung von 1871. (Foto: Stadtarchiv Cham) |
Die in den Viehmarkt gesetzten Erwartungen scheinen sich erfüllt zu haben, denn die Märkte erfreuten sich immer größerer Beliebtheit. Während der Viehauftrieb um 1844 etwa 315 Stück pro Markttag betragen haben soll, nahmen die Zahlen bis zur Jahrhundertwende auf durchschnittlich 600 Rinder zu. Nach 1900 erreichte das Marktgeschehen schließlich seinen Höhepunkt. Am 21. März 1903 wurde mit 1200 Tieren ein Höchststand bei den angebotenen Rindern erreicht. Im selben Jahr, am 10. Oktober, verzeichnete man den Markt mit dem insgesamt größten Viehauftrieb. Während sich auf dem Rindermarkt, in der Luckner- und in Teilen der Helterhofstraße sowie in Straubinger Straße 1140 Rinder befanden, standen auf dem Steinmarkt und in der Hafnerstraße 1040 Schweine und Frischlinge zum Verkauf. Es ist heute kaum mehr vorstellbar, was für ein geschäftiges Treiben an einem solchen Markttag geherrscht haben muss. Aus dem ganzen Umland strömten die Bauern mit ihrem Vieh nach Cham. Während in der einen Ecke noch lautstark um den Preis gefeilscht wurde, hatte man an anderer Stelle den Kauf schon mit Handschlag besiegelt. Bevor es wieder auf den Heimweg ging, nutzten viele Besucher die Gelegenheit für Besorgungen und einen Wirtshausbesuch. So verwundert es nicht, dass die Chamer Geschäftsleute an den Markttagen die besten Umsätze erzielten und in den Gasthäusern der Innenstadt kein freier Platz mehr zu bekommen war.
Nach den Rekordviehmärkten kamen aber auch Jahre, in denen der Viehhandel stark zurückging. Ein erster Einbruch war während des 1. Weltkriegs zu verzeichnen. Trotz der danach einsetzenden Erholung gingen die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse zwischen 1920 und 1930 auch an den Viehmärkten nicht spurlos vorüber. Im Jahr 1939 blieben sie sogar während des gesamten Jahres untersagt, da im Landkreis die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen war. Im Verlauf des 2. Weltkriegs nahmen die Auftriebszahlen stark ab, bis im Sommer 1943 das endgültige Aus für den Viehmarkt kam.
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| Viehmarkt in der Lucknerstraße 1937 Viehmarkt - Bayerische Ostmark vom 11.05.1937 |
Da man sich der Bedeutung der Viehmärkte für Cham bewusst war, bat die Stadt bereits am 31. Juli 1945 den Landrat, sich bei der amerikanischen Militärregierung für die Wiederaufnahme dieser Märkte einzusetzen. Wegen der äußerst schwierigen Versorgungslage und aufgrund der Lebensmittelbewirtschaftung konnte dem Antrag aber nicht entsprochen werden. Erst nachdem sich das tägliche Leben zu normalisieren begann, genehmigte man für den 30. April 1949 den ersten Nachkriegsviehmarkt.
Allerdings hatten sich die Verhältnisse grundlegend gewandelt. Die Händler kauften nun verstärkt das Vieh direkt vom Hof, so dass die Bauern ihre Tiere nicht mehr selbst in Cham anboten. Deshalb führten die Markttage weit weniger Menschen als früher in die Stadt. Schließlich wurde aus dem ursprünglichen "Bauernmarkt" immer mehr ein reiner "Händlermarkt". Diese Entwicklung bekamen auch die Chamer Geschäftsleute und Wirte zu spüren, deren Umsätze stark zurückgingen. Sowohl der Termin als auch die Lage des Viehmarktes in der Innenstadt gerieten in die Kritik, weil der zunehmende Straßenverkehr zum Problem wurde, und viele Händler ihr Vieh nicht mehr vom Bahnhof in die Stadt treiben wollten.
Bereits im Jahr 1934 wurde geklagt, dass Händler sofort nach der Ankunft ihrer Rinder am Bahnhof, teilweise einen Tag vor dem genehmigten Marktbeginn, illegal mit Vieh handelten. Diese Entwicklung setzte sich nach dem Krieg fort und war in den fünfziger Jahren nicht mehr aufzuhalten. Als Reaktion darauf wurde der Markt 1955 von Samstag auf Freitag vorverlegt, und die Bahnrampe als offizieller Viehmarktstandort zugelassen.
Allerdings wusste man auch um die begrenzten räumlichen Verhältnisse am Bahnhof und den unzureichenden Schutz der Tiere vor Wind und Wetter. Aus diesem Grund bemühte man sich seit 1949 verstärkt um die Errichtung einer Viehmarkthalle mit Bahnanschluss. Als möglicher Standort für das "Viehmarkt-Projekt Cham-Ost" war die Lutzwiese hinter den Stadtwerken im Gespräch.
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| Plan der Halle von 1949. (Foto: Stadtarchiv Cham) |
Die hohen Baukosten, denen aber nur geringe Zuschüsse gegenüberstanden, verhinderten 1955 die Verwirklichung der bisherigen Planungen.
Trotz mancher Verbesserung konnten die äußeren Bedingungen an der Bahnrampe nicht zufrieden stellen. Als gegen Ende der siebziger Jahre die Auftriebszahlen am Bahnhof sanken, mag dies auch ein Grund dafür gewesen, dass die Planungen für eine Viehmarkthalle wieder konkretere Formen annahmen. Am 24. April 1980 beschloss der Stadtrat den Bau der lang ersehnten Halle, deren Gesamtkosten sich letztendlich auf über 2 Millionen DM beliefen. Zwei Monate nach dem letzten Rampenmarkt wurde die Ostbayernhalle am 25. Juni 1981 feierlich eingeweiht. Der erste Viehmarkt in der neuen Halle hatte bereits am 7. Mai stattgefunden und brachte wieder steigende Verkaufszahlen mit sich. Die allgemein sinkenden Viehbestände, aber auch die gewachsene Konkurrenz für den Chamer Markt ließen in den letzten Jahren die Auftriebszahlen stark zurückgehen. Diese Entwicklung läutete schließlich das Ende der 168 Jahre alten Viehmarkttradition ein.
Timo Bullemer, Stadtarchiv Cham
Verwendete Quellen:
Stadtarchiv Cham - Akten: 131, 1648, 1657, 1658, 1664, 072, 842, 842/1, 842/6, 072Bayerwald-Volkszeitung - Chamer Tagblatt vom 30.10.1934
Bayerwald-Echo vom 26.6.1981

















