8. Januar - 8. Februar 2026

Im Schatten der Marseillaise

Veronika Dräxler

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Künstlerin Veronika Dräxler verknüpft Marseillaise-Mythos und 
Erinnerungskultur mit der Gewaltgeschichte Europas

„Femme sulfureuse“ – „Die dämonisierte Frau“. Das Forschungs- und Filmprojekt der Künstlerin Veronika Dräxler handelt von Körper, Macht, Geschlecht, Frieden, Krieg, Diplomatie und den deutsch-französischen Beziehungen. In der Ausstellung „Im Schatten der Marseillaise“ in der Städtischen Galerie Cordonhaus (verlängert bis zum 8. Februar 2026) stellt die Künstlerin die historischen Figuren Henriette Poincaré und 
Nikolaus von Luckner gegenüber. 

Dem gebürtigen Chamer Offizier Nikolaus Graf von Luckner wurde einst die Marseillaise gewidmet. Der deutsche Offizier war Marschall von Frankreich. Als er 1793 seine Pension einfordert, wird er als Royalist denunziert und mit der Guillotine enthauptet. Im Armeemuseum in Paris findet Veronika Dräxler den reich verzierten Marschallstab des Militärs. In ihrer filmischen Collage über die Verehrung Luckners in Cham zeigt sie unter anderem, wie ein deutscher und ein franzö-
sischer General, das Herrschaftszeichen des Marschalls aus der 
Vitrine nehmen und als Symbol ihrer Freundschaft verehren.

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Wie sich Wissenschaft und Kunst beflügeln

„Wir brauchen die deutsch-französischen Beziehungen heute noch mehr als vor einigen Jahren, um den Frieden in Europa zu sichern“, sagt Ulrich Pfeil bei der Ausstellungseröffnung am Donnerstag. Der Professor für Deutschlandstudien an der Université de Lorraine in Metz ist Experte für die deutsch-französischen Beziehungen. Die Künstlerin promoviert an der École normale superiore im PhD-Programm SACRe (Sciences, Arts, Création, Recherche). Dräxlers Ansatz zeigt exemplarisch, wie sich Wissenschaft und Kunst beflügeln können.

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Der Geist von Henriette

Femme sulfureuse – Körper, Macht und Überschreitung: 
Henriette Poincaré und die weibliche Diplomatie in den deutsch-französischen Beziehungen“ lautet Dräxlers Forschungsthema, das sie aus vielen Perspektiven ausleuchtet. Im Mittelpunkt steht Henriette Poincaré, die ehemalige franzö-
sische Präsidentengattin, die in „Femme sufureuse“ aus dem Dunklen ins Helle tritt. Suchend bewegt sich die Kamera im Halbdunkel des herrschaftlichen Palais an der 26, Rue Marbeau, der heutigen Deutschen Botschaft in Paris und letztem Wohnort der Henriette Poincaré (1858 – 1943). Als würde ein Geist durch die Räume schweben, ein unsichtbarer Körper in einem bodenlangen Kleid mit zerschlissenem Saum …

Weibliche Diplomatie

Veronika Dräxler selbst schlüpft in die Rolle der früheren Bewohnerin. Indem sie barfuß auf dem kalten Marmor die Treppen hinauf- und hinunter steigt, ihre Hände über das Messinggeländer gleiten und ihre Fingernägel am Schnitzwerk der Möbel kratzen, erscheint Henriette Poincaré in einem neuen Licht. Im Palais der Deutschen Botschaft in Paris verwandelt Dräxler die dämonisierte Frau in die personifizierte Diplomatie. Von der Presse wegen ihrer unkonventionellen Lebenseinstellung denunziert, spielte Henriette während des Ersten Weltkriegs eine wichtige diplomatische Rolle, nicht auf dem politischen Parkett, sondern in ihren Salons, in denen die gesellschaftlichen Eliten verkehrten.

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Die Geschichte der Gewalt

In der Ausstellung treten historische Dokumente mit dem Portrait von Luckner, ein Pandurensäbel und ein verkohlter Balken aus dem Chamer Rathaus in einen Dialog mit den weiblich konnotierten Filmsequenzen und Tapisserien. So wird sichtbar, wie eng Kriegsstrategien, brutale Kriegslieder wie die Marseillaise und lokale Erinnerungskultur miteinander verwoben sind.

Ein besonderes Exponat ist ein Gemälde von Veronika Dräxler, das den Marschallstab Luckners im Kontext der kriegerischen Assoziationen der Künstlerin zeigt. Angesichts des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine verschränkt sich die Geschichte der Gewalt mit der Gegenwart.

Veronika Dräxler (*1986 Fürstenfeldbruck)
AKADEMISCHE AUSBILDUNG
2025 Promotionskandidatin im Programm SACRe (Sciences, Arts, Création, Recherche) an der ENS-PSL, Paris 2022 Meisterschülerin in Kunst und Medien, Universität der Künste Berlin 2011 - 2017 Diplom in Medienkunst, Akademie der Bildenden Künste München 2009 - 2011 Bachelor of Arts in Kommunikationsdesign, Hochschule für Angewandte Wissenschaften München 2010 Auslandssemester an der Staatlichen Universität Cuenca, Fakultät für Kunst, Ecuador
FILMOGRAFIE (Auswahl) 2025 „Femme Sulfureuse“ – PhD-Projekt (ENS Paris / SACRe) Hybrid aus Film, Performance, Essay, Archivforschung. Themen: Unsichtbare Diplomatie, Architektur als Erinnerungsträger, feministische Genealogien. 2025 Traces of Life / How to Kill (Trilogie) | 15:45 min Essay / Performance / Hybrid / Experimental / Installation Teil 1: Hunt (Finnland, 2022) Teil 2: Care (Deutschland, 2023-2024) Teil 3: Ruin (England, Ukraine, Frankreich, 2024–25)
Auszeichnungen: – Nominierung Berlin Art Award (2023) - Nominierung Arte Laguna Prize Venedig (2024) – Honorable Mention, Activists Without Borders, London (2024) – Mención Especial del Jurado, Turicine Festival, Quito (2025). Lebt und arbeitet in Paris und München.